Raus aus der Zwickmühle – Wichtige Entscheidungen treffen kann man lernen

Kira ist schon lange in ihrem Job unzufrieden. Vor mehr als sieben Jahren hat sie als Teamleiterin in einem großen mittelständischen Weiterbildungsunternehmen begonnen. Doch viele Versprechen seitens ihres Arbeitgebers konnten nicht eingehalten werden: spannende Aufstiegs-, bzw. Weiterentwicklungsmöglichkeiten haben sich leider nicht ergeben. Und das gute Teamklima hat sich über die Jahre betrachtet als eher erträglich herausgestellt. 

(Foto: János Bencs, pixabay.com)

Die alleinerziehende Mutter einer 13-jährigen Tochter möchte sich beruflich verändern. Mit Anfang vierzig ist aus ihrer Sicht der richtige Zeitpunkt gekommen, sich einen Job zu suchen, der zu hundert Prozent ihren Vorstellungen entspricht und sich nicht mehr mit faulen Kompromissen zufrieden zu geben. Ihre Tochter ist aus dem Gröbsten raus und Kira findet, dass sie es sich nun erlauben darf, wieder mehr an sich zu denken.

Einerseits….andererseits sind da Zweifel und Ängste, die sie quälen:

„Wer garantiert mir denn, dass der nächste Job, der zunächst attraktiv wirkt, sich nicht doch wieder als Niete entpuppt, so wie bei ihrer jetzigen Firma?“

„Ich müsste umziehen, bei mir im Umkreis gibt es nichts Passendes. Ich müsste meine Tochter aus ihrem gewohnten Umfeld reißen. Das ist mit einer pubertierenden Tochter schwer zu machen.“

„Vielleicht ist die Suche nach dem Perfekten ein Irrtum? Meine Eltern und viele Freunde sagen mir immer wieder, dass ich zu anspruchsvoll bin.“

(Foto: Paul Stachowiak, pixabay.com)

Immer dann, wenn Menschen sich mit wichtigen Entscheidungen in einer gefühlten Sackgasse befinden, sprechen wir von einem Dilemma.  Bei einem Dilemma gibt es meistens zwei Optionen, die sich gegenseitig ausschließen. Dadurch, dass die Entscheidungsnotwendigkeit von hoher Relevanz ist, sitzt man gefühlt in der Klemme. Ich kann schließlich nicht gleichzeitig rechts herum und links herum gehen. Ich kann nicht gleichzeitig in meinem Job bleiben und ihn aufgeben.

In diesem Moment nutzen viele Menschen ein Coaching, um gemeinsam mit einem Coach einen individuellen Lösungsweg zu erarbeiten, der sich stimmig anfühlt. Denn oft haben Menschen wie Kira schon selbst alles Mögliche ausprobiert, um zu einer Lösung zu kommen. Sie haben beispielsweise andere Personen um Rat gefragt und kennen bereits Tipps und Ratschläge, wie andere sich in ihrer Situation verhalten würden. Sie haben oft Pro-/Contra-Listen erstellt, die ihnen nicht weitergeholfen haben. Sehr oft führt die Addition der Argumente auf beiden Seiten zu einer Lösung, der man trotzdem innerlich nicht zustimmen kann – man weiß leider meistens nicht, warum nicht.

Bevor ich Ihnen einige Hinweise geben möchte, wie Sie entweder im Coaching oder in der weiteren Selbst-Coaching-Phase mit einer Zwickmühlen-Entscheidung umgehen können, müssen wir uns bewusst werden, wie das menschliche Gehirn, also unser Bewusstsein mit Entscheidungsprozessen grundsätzlich umgeht:

So haben Untersuchungen ergeben, dass unser bewusstes Ich in Entscheidungsprozessen nur bedingt involviert wird. Der Großteil unser Entscheidungsprozesse geschieht unbewusst.

Stattdessen wertet unser (unbewusstes) Bewusstsein Erfahrungen aus der Vergangenheit aus, die erste Hinweise auf Entscheidungen in der Zukunft geben. Das heißt im Falle von Kira, dass die Art und Weise, wie sie in ihrem bisherigen Leben mit ähnlichen Entscheidungs-, bzw. Veränderungsprozessen umgegangen ist, eine große Rolle spielt, wie sie sich auch der aktuellen Situation entscheiden wird. Hirnphysiologisch betrachtet spielt unser emotionales System (limbisches System) ebenfalls mit, wenn es um eine Entscheidung geht. Sogenannte somatische Marker (Storch/Krause) geben Hinweise, in welche Richtung es uns eher zieht. Kira wird spüren, ob die Idee einer beruflichen Veränderung eher ein neugieriges Kribbeln in der Bauchgegend auslöst oder ihr den sprichwörtlichen Angstschweiß auf die Stirn treibt.  Unsere Emotionen, die ja auch auf Erfahrungen fußen, geben uns einen groben Hinweis, wo es lang gehen soll: entweder ein grundsätzliches „Go“ oder ein grundsätzliches „No“.

Im Coaching lernt Kira, dass sie einen grundsätzlichen Widerstand gegen Veränderungen spürt. Sie macht sich bewusst, dass Veränderungen für sie angstbesetzt sind. Das signalisieren ihre Emotionen. Ihr Verstand sagt jedoch, dass es gerade jetzt sinnvoll ist, eine berufliche Veränderung zu starten, also setzt sie sich mit diesem scheinbaren Widerspruch weiter auseinander.

Ein hilfreicher Denkansatz aus dem systemischen Coaching möchte zwischen beiden Aspekten eine Brücke schlagen. Folgende Fragen inspirieren Kira für einen völlig neuen Denkansatz:

„Wofür ist es gut, vor der beruflichen Veränderung Angst zu haben? Und wenn du Angst mit Vorsicht ersetzt – was könnte an Vorsichtsmaßnahmen bei einer beruflichen Veränderung hilfreich sein?“

„Welche Bedeutung spielt die Neugier auf etwas Neues gerade jetzt in deinem Leben? Und wie wäre es möglich, etwas Neues und Inspirierendes in dein Leben zu tragen, auch wenn du rein äußerlich gar nichts veränderst?“

Die Idee des „guten Grunds“ hilft, die innere Zwickmühle anders zu bewerten. Alles, was an Emotionen und Gedanken da ist, wird reframed, d.h. in einem positiven Blickwinkel betrachtet. So gelingt es, den inneren Blick zu weiten und weitere Lösungsmöglichkeiten anzuerkennen. Aus einem Dilemma werden viele Möglichkeiten.

Nach dem Coaching geht es Kira besser. Sie weiß zwar noch nicht, wie sie sich entscheidet, ist aber wesentlich gelassener geworden und will sich mit ihrem Entscheidungsprozess Zeit lassen. Sie hat eine ganz persönliche „Ausprobierzeit“ für sich selbst vereinbart und in Form eines „Probehandelns“ versetzt sie sich abwechselnd für 1-2 Tage in folgende Szenarien:

1. Alles bleibt so wie es ist…

2. Sie kündigt ihren Job und sucht sich etwas Neues…

3. Sie bleibt im Job und versucht, aus der Routine auszusteigen und neuen Impulsen nachzugehen.

4. Sie denkt über einen Ausstieg nach, der so vorsichtig und allmählich wie möglich gestaltet wird.

Phase 1 hat sie bereits durchlaufen, ihre Gedanken und Gefühle hat sie protokolliert, damit sie alle „Probeerfahrungen“ im Anschluss auswerten kann. 

Auch wenn sie noch nicht weiß, was genau sie am Ende entscheiden wird, sie ist sich jetzt sicher, dass es eine kluge Entscheidung werden wird. 

(Foto: János Bencs, pixabay.com)

Zum Weiterlesen:

Maja Storch: Das Geheimnis kluger Entscheidungen, Goldmann Verlag 2005

Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte, Vandenhoeck & Ruprecht 2015

Veröffentlicht von Ute Zander

Geschäftsführerin von ZS Consult GmbH - www.zsconsult.de

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