Teil 6 – So setzen Sie sich durch!

Neulich erzählte mir eine gute Bekannte, sie sei als Dreizehnjährige als einziges Mädchen in eine Jungsklasse umgeschult worden. Was für eine knifflige Situation, weder das Mädchen noch die Jungs wussten, wie sie sich verhalten sollten. Die Jungs lösten das auf ihre Art und Weise. In jeder 5-Minuten-Pause griffen sie zu ihren Pusteröhrchen und beschossen die Mitschülerin mit ihrer Papierkugel-Munition. Lange Zeit sah das Mädchen keine andere Lösung, als sich unter dem Tisch zu verstecken und abzuwarten, bis der Angriff vorbei war. So konnte es auf Dauer natürlich nicht weitergehen. Aber die 13-jährige hatte keine Idee, wie sie der männlichen Dominanz anders begegnen könnte als mit totaler Defensive. Insgeheim befürchtete sie, die Jungs könnten noch aggressiver werden, wenn sie sich verteidigen würde.

Doch nach einigen Wochen war es dann endgültig zu viel. Plötzlich kam in ihr der David zum Vorschein und sie schnappte sich kurzer Hand das Pusteröhrchen vom Nachbarn, rollte sich mit Papierfetzen Munition, kam aus ihrer Deckung heraus und schoss endlich zurück. Was glauben  Sie, was dann geschah? Nichts mehr. Die Jungs waren so perplex, dass sie die Waffen ruhen ließen. Das Mädchen hatte gezeigt, dass sie mutig genug war, zurückzuschießen. Offenbar konnte sie sich durchsetzen. Und nur deswegen waren die Jungs bereit, Verständnis zu zeigen und sie in die Klassengemeinschaft aufzunehmen. Der Bann war gebrochen und sie konnten Freunde werden.

Genauso geht es vielen Menschen im Job, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen und keiner zuhört. Sie reagieren dann so wie das Mädchen, sie verkriechen sich und hoffen, dass keiner sie sieht. Doch unter dem Tisch wird die Lage nicht besser. Die anderen hören nicht auf zu schießen, wenn Sie sich nicht wehren. Deswegen geht es in diesem Kapitel darum, wie Sie Ihre Ansprüche anmelden um endlich gehört zu werden. Auch wenn es Widerstand hagelt oder Sie negative Konsequenzen befürchten müssen.

Genau das befürchtet auch Moritz Daun, der Senior Partner einer Steuerberatungskanzlei. Im Moment schluckt er seinen Ärger noch herunter – aus Angst, sein Geschäftspartner könnte ihn hängen lassen.

Ein eingespieltes Team

Es ist schon kurz nach elf als Tobias Richter nach einem langen Wochenende gutgelaunt sein Büro betritt. Da wartet sein Partner, Moritz Daun, schon seit einer Stunde auf ihn. Seit fünf Jahren arbeiten die beiden zusammen. Die chronische Unzuverlässigkeit seines Partners ist Moritz seit langem ein Dorn im Auge. Heute muss es endlich mal gesagt werden: „ So wie es letzte Woche bei Steinmann & Co. gelaufen ist, geht es nicht weiter. Schließlich ist das unser gemeinsamer Mandant. Du hattest versprochen, die Bilanz rechtzeitig vorzubereiten…“ „Ich weiß“, unterbricht Tobias, „ich wollte ja auch, aber dann bin ich am Donnerstagabend doch nicht fertig geworden und wir mussten ja noch die letzte Fähre kriegen…“ . Jetzt unterbricht Moritz, seine Stimme ist deutlich lauter geworden, „ und ich sitz dann am Freitag da, schau noch mal kurz durch die Zahlen und sehe zufällig, dass du gar nicht fertig geworden bist. Warum sagst du mir nicht Bescheid?“ „Ach“, wiegelt Tobias mit lässiger Handbewegung ab, „du weißt doch genau, dass bei Steinmann keiner genau hinguckt. Das mach ich jetzt noch schnell fertig.“ „ Wenn du meinst“, lenkt Moritz jetzt ein, „aber beim nächsten Mal sag bitte rechtzeitig Bescheid“. „Klar“, Tobias lächelt Moritz an, „kommt nicht wieder vor.“

Natürlich wird es wieder vorkommen. Moritz beschwert sich zwar und versucht, sich mit seiner Meinung durchzusetzen. Am Ende lenkt er jedoch rücksichtsvoll ein.  Das lässt Tobias die Möglichkeit offen, doch noch bei seiner Unzuverlässigkeit zu bleiben. Erst wenn Moritz massiver auftritt, wird Tobias ernsthaft darüber nachdenken, sich zu ändern. Spätestens dann ist es aber mit der schönen Harmonie vorbei.

Seien Sie Spielverderber

Bislang waren die beiden Kollegen optimal aufeinander eingespielt. Wenn der eine sich durchsetzt und der andere Rücksicht nimmt, passt alles wunderbar zusammen. Jetzt aber bricht Moritz aus der gewohnten Routine aus und verhält sich anders als gewohnt. Er ärgert sich, dass seine Anpassungsleistung mehr Arbeitszeit verbraucht als die Durchsetzungsleistung von Tobias. Von nun an muss sich das ändern.

Wenn es Ihnen genauso wie Moritz geht und Sie sich mehr durchsetzen möchten, dann sollten Sie vorab überlegen, wie Sie sich bisher verhalten haben. Wie stark haben Sie Rücksicht auf die Kollegen oder den Chef genommen? Und wie stark haben sich die anderen durchgesetzt?

Die folgende Tabelle zeigt in einem Koordinatenkreuz, wie ein eingespieltes Verhaltensmuster genau abgebildet werden kann.

Verhalten in Konfliktsituationen

Verhalten in Konfliktsituationen

Abb. 3.3.1 Verhalten in Konfliktsituationen

Rechnen Sie mit Widerständen, wenn Sie sich stärker durchsetzen möchten

Selbstbehauptung und Rücksichtnahme ergänzen sich perfekt. Die Probleme tauchen erst dann auf, wenn einer von beiden seine festgelegte Rolle nicht mehr mitspielen möchte. Denn dann müssen sich beide ändern, um sich gut zu ergänzen.

Stellen Sie sich mal vor, Ihnen geht es wie Moritz Daun. Lange Zeit haben Sie Rücksicht genommen, vielleicht auf den Kollegen, der wegen der Kinder immer früher gehen muss – und Sie bleiben länger, weil irgendjemand den Auftrag ja fertig machen muss. Oder auf die Schwester, die sich nie um die pflegebedürftige Oma kümmert, weil sie nie  Zeit hat. Aber Sie haben Zeit, weil sie denken, irgendeiner muss es ja machen. Und plötzlich denken Sie „Nein“, jetzt bin ich mal dran. Jetzt muss mal jemand auf mich hören.

Ein sehr guter Vorsatz, nur glauben Sie nicht, dass die anderen darüber glücklich sein werden. Sie werden jetzt richtig Ärger bekommen, denn um den Ausgleich zwischen Ihnen wieder herzustellen, muss der andere ja mehr Verständnis zeigen. Das wird aber nicht passieren, es sei denn, es tritt der unwahrscheinliche Fall ein, dass ein Moritz und ein Tobias zur selben Zeit ihr Verhalten ändern wollen. Dann würde es passen.

Wenn Moritz jetzt mit einem Satz den Platz oben links neben Tobias im Koordinatenkreuz einnehmen möchte, gibt es Krach. Denn Tobias wird seinen angestammten Platz, auf dem er sich wohl fühlt, mit aller Kraft verteidigen. Und auch Moritz muss sich erst langsam daran gewöhnen, dass er jetzt anders reagiert.

Ich empfehle Ihnen daher, lieber Schritt für Schritt vorzugehen. Wie das geht, davon handelt der nächste Abschnitt.

Fünf Stufen zum Glück

Ich möchte Ihnen nun fünf Stufen vorstellen, mit denen Sie Ihre Ansprüche unterschiedlich stark oder schwach formulieren können. Je nachdem was gerade besser passt: vorsichtig oder durchsetzungsstark.

  1. Super-Soft
  2. Soft
  3. Gerade heraus
  4. Klar
  5. Klipp und Klar

Mit Hilfe dieser Abstufungen können Sie in jeder Situation bestimmen, wie stark oder zurückhaltend Sie sich ausdrücken möchten.

Moritz zum Beispiel hat bei seinem ersten Durchsetzungsversuch „Soft“ gewählt. Wenn er sich „Super-Soft“ ausgedrückt hätte, hätte sich das vielleicht folgender maßen angehört:

„Ich kann ja verstehen, dass du noch rechtzeitig die Fähre nach Sylt kriegen wolltest, aber für mich was das eine total blöde Situation. Ich musste die halbe Nacht im Büro sitzen, um die Zahlen einigermaßen hübsch zu machen. Könntest du bitte beim nächsten Mal rechtzeitig Bescheid sagen?“

Das war ihm zu weich, also hat Moritz sich für die zweite Stufe, für „Soft“ entschieden.

Zwei Wochen später hat sich bei Moritz weiterer Ärger aufgestaut. Eine der Mitarbeiterinnen wollte eine Gehaltserhöhung und Tobias hatte versprochen, mit ihr alles weitere zu besprechen. Als eine Woche später immer noch nichts passiert ist, stellt Moritz seinen Partner beim Mittagessen auf Stufe vier „Klar“ zur Rede.

Nach den ersten Bissen legt Moritz das Besteck zur Seite, lehnt sich zurück und schaut seinem Partner direkt in die Augen. „Ich wollte dich nochmal auf das Gehaltsgespräch mit Monika ansprechen“. Schweigend lässt er einige Sekunden verstreichen und schaut Tobias erwartungsvoll an. „Ach…ja …Mensch…“ Tobias greift zur Serviette und wischt sich den Mund ab. „Das hab ich ja total vergessen. Gut, dass du mich dran erinnerst.“ „Die Monika hat mich schon drauf angesprochen“ fährt Moritz fort. Trotz der deutlichen Worte bleibt er ruhig, „sie wartet seit einer Woche darauf, dass einer von uns sie mal anspricht. Ich kann sehr gut verstehen, dass sie jetzt ungeduldig ist. Warum hast du nicht dran gedacht? Das ist doch wichtig!“ „Klar soll sie ihre Antwort bekommen“ antwortet Tobias gedehnt. Auch er hat sich jetzt zurückgelehnt und verschränkt lässig die Arme vor der Brust. „Aber deswegen muss ja noch lange kein Stress aufkommen. Auf meinem Schreibtisch liegen vier Bilanzen, die diese Woche fertig werden müssen. Da muss eine Monika eben mal warten.“ Mit dem letzten Satz hat Moritz sich wieder nach vorne gebeugt. „Darum geht es nicht, Tobias. Wir alle haben viel zu tun. Und sicherlich ist Monika bereit, noch eine Woche zu warten, wenn man ihr rechtzeitig Bescheid gibt. Ich ärgere mich darüber, dass du nicht Bescheid sagst. Wir können über alles reden, aber ich erwarte von dir, dass du mich rechtzeitig informierst.“ Erstaunt schaut Tobias seinen Partner an. So kennt er ihn gar nicht. „Was ist denn mit dir los? Jetzt bleib mal ganz entspannt. Du regst dich doch sonst nicht so auf.“ „Nichts für ungut“, lächelnd lehnt Moritz sich wieder zurück, „ich will mich gar nicht aufregen, sondern nur deutlich machen, wie wichtig es mir ist, dass du deine Zusagen einhältst.“ „Das will ich ja auch“, antwortet Tobias und stochert mit seiner Gabel im Essen herum, „ aber wenn ich ehrlich bin, führe ich diese Gehaltsgespräche nicht gerne. Ich hab das die letzte Woche vor mir her geschoben. Aber ich sehe ein, dass das so nicht geht. Ich ruf sie gleich nach dem Essen an und vereinbare einen Termin mit ihr.“

Jetzt endlich sieht Moritz, dass Tobias ihm entgegenkommt. Er hat seine harte Durchsetzungsposition verlassen und macht einen ernst zu nehmenden Kompromissvorschlag. Moritz hat sein Ziel erreicht – Stufe 5 „Klipp und Klar“ kann er sich sparen.

Zwei Sieger im Kampf

Moritz hat mit vier von fünf Stufen schon viel erreicht. Er weiß jetzt, dass es manchmal länger dauert, bis seine Forderungen gehört werden. Und dass er Mut und Geduld braucht, um es weiter zu versuchen, selbst wenn der erste Versuch nicht klappt.

Aber auch Tobias hat dazugelernt. Am Ende des Gesprächs mit Moritz hat er sich zum ersten Mal getraut, eine Schwäche zuzugeben. Moritz weiß jetzt, warum er sich vor der Gehaltsverhandlung gedrückt hat. Eigentlich brauchen die beiden jetzt gar nicht mehr über die Unzuverlässigkeit von Tobias zu streiten. Stattdessen können sie endlich unmittelbar über das sprechen, worum es wirklich geht. In diesem Fall ist es die Unsicherheit von Tobias, mit einer seiner Mitarbeiterinnen ein Gehaltsgespräch zu führen. Jetzt können beide für das Problem eine gute Lösung finden.

Wenn Moritz sich nicht so deutlich Gehör verschafft hätte, wäre alles beim Alten geblieben. Dann hätten am Ende beide verloren.

Stufe 5

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, was Moritz gesagt hätte, wenn er die fünfte Stufe auch noch genutzt hätte.

Was meinen Sie? Nutzen Sie die Gelegenheit und formulieren Sie selbst einen Vorschlag.

Hier ist Platz für Ihre Idee:

Veröffentlicht von Ute Zander

Geschäftsführerin von ZS Consult GmbH - www.zsconsult.de

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